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Das Maß der Dinge – Labyrintherfahrungen

Text: Bettina Melzer, Dresden
www.bzw-weiterdenken.de


Das Labyrinth ist ein Symbol mit einer ca. 5000 Jahre alten Geschichte, das sich durch nahezu alle Kulturen der Welt zieht. Aufgemalt, eingeritzt, ausgelegt führt seine Spur zu einem Weltbild, das Werte verkörpert, die wir uns zwar wünschen, aber doch so selten leben:
Offenheit, Toleranz, Umsicht, Achtung, Geduld ...

Wir sehen die sieben Wendungen eines erstaunlich langen Weges.
Die Mitte, die Umkehr verlangt. Den Ausgang, der gerade noch Eingang war.

Wer einmal den Labyrinthweg durchmessen hat, weiß oder ahnt zumindest, dass die Mitte nicht Mittelmaß ist, sondern Balance, Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht ist nicht zu erreichen mit einem Schritt - geradezu über die Begrenzung hinweg.

Wie soll ich die Dinge, die verschiedenen Seiten der Dinge gleich gewichten, wenn ich sie gar nicht kenne?
Wenn ich den Umweg auf mich nehme, habe ich die Möglichkeit, mich zu mäßigen. Was nichts anderes heisst, als: mein Maß zu finden, mein Urteil, mein Ziel zu überprüfen. Der Labyrinthweg zeigt mir mein Ziel von allen Seiten. Von vorn und hinten, von links und rechts, von nah und fern. Er wechselt die Richtung: was gerade noch klar war, wird nach der nächsten Wende in frage gestellt. Das hin und her pendeln bringt die Gehirnhälften in Kontakt. Möglich, dass sich verkrustete Denkstrukturen lösen. Möglich, dass Raum für noch nie Gedachtes entsteht. Vom geraden Weg abgekommen, habe ich mehr, viel mehr gesehen. Ich bin an Menschen oder in Situationen geraten, die mir geholfen haben, oder auf Hindernisse gestoßen, deren Überwindung mich gestärkt hat.

Den langen Weg nehmen und sehen, wie sich die Dinge verwandeln, wenn wir sie von allen Seiten ansehen und alle Seiten in unsere Entscheidung einbeziehen.
Ist das nicht ein immenser Zeitverlust?

Nun ja, es dauert seine Zeit, bringt aber einen Gewinn an Raum und Erfahrung. Es kommt ganz darauf an, welches Maß wir anlegen. Wir sind frei, unser eigenes Maß zu finden, oder uns einem vorgegebenen Maß zu beugen.

Wir können einander (maßvoll) begegnen oder einander über den Haufen rennen.
Wir können einander Raum geben oder uns gegenseitig aus der Bahn werfen.
Wir können die Anderen in ihrer Verschiedenheit akzeptieren oder uns über sie erheben.

Vielleicht können Labyrinthe, öffentliche Labyrinthplätze heute eine Art „Übungsfelder“ sein.
Auf jeden Fall sind sie Orte, zu denen eine und einer nichts mitbringen muß, als sich selbst. Kommunikationsorte, Meditationsorte, aber auch Orte, an denen Theater gespielt, getanzt, musiziert und gefeiert werden kann. Kulturräume also im weitesten Sinn – und nicht zu vergessen: Spielplätze.

Sie leben aus dem Engagement derer, die sie erbauen, betreuen und Veranstaltungen anbieten. Sie leben aber auch aus sich selbst heraus, indem sie Menschen jeden Alters zu jeder Jahreszeit anziehen.



Der frauenORT Elise Bartels
Hildesheim ist ein
Kooperationsprojekt mit dem
Landesfrauenrat Niedersachsen e.V.

Siehe auch: frauenOrt Hildesheim

 

 

 

 

 


FrauenOrte Niedersachsen

 


An jeder Zeitwende ruft das Labyrinth sich in Erinnerung, als wollte es sich anbieten zur Neuorientierung, zur Besinnung auf uralte Gesetze des Lebens, ein Zeichen der Vielfalt und der Begrenzung.

Agnes Barmettler, Schweizer Labyrinth-Künstlerin, die das Hildesheimer Labyrinth mit initiiert hat.